Elfriede Jelinek: Lust

von Maximilian | 21.04.2009

Bald nach seinem Erscheinen 1989 wurde der „Anti-Porno“ der österreichischen Literatur-Nobelpreisträgerin zum Bestseller. „Sex sells“, egal in welcher Form? Oder einfach ein gelungener Roman? Zeit für eine Relektüre.

"Lust" in der Taschenbuch-AusgabeIn den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat Aids auch österreichische Kleinstädte erreicht. Aus Angst vor Ansteckung meidet der Direktor der örtlichen Papierfabrik seit einiger Zeit Prostituierte, Sekretärinnen und andere Lustabfuhrobjekte aus der Prä-Aids-Ära. Macht nichts – es gibt ja noch sein angetrautes Ehegespons! Die Frau ist zwar schon ein wenig welk, aber allemal gut genug, um sie vollzupissen und ihr den Arsch aufzureißen. Was der Mann des Hauses denn auch täglich mehrfach zu tun gewillt ist; immerhin bekommt der Frauenkörper dafür ja ständig neue Kleider, mit dem er sich schmücken kann.

Die Versuche der Frau, dem Sexterror ihres Gemahls zu entkommen, bleiben halbherzig und wenig erfolgreich: Sie klammert sich an ihren Sohn – aber der muss halt doch irgendwann ins Bett oder in die Schule, und wenn der Direktor sich nicht gedulden kann, stellt er seinen Sprössling einfach mit Tabletten ruhig. Sie betrinkt sich und wandert im Nachthemd durch den schneebedeckten Wald – aber irgendjemand findet sie immer und bringt sie nach Hause zurück.

Eines Tages ist das der Jurastudent Michael, der zum Skifahren in die Berge gekommen ist. Bevor er die Frau bei ihrem Besitzer abliefert, nimmt er sich die halb Bewusstlose noch schnell in einem Unterstand vor: Der Direktor ist zwar König der Kleinstadt, wo fast alle direkt oder indirekt von den Arbeitsplätzen in der Papierfabrik abhängig sind – aber Michael kommt ja nicht von hier, er geht seinen eigenen Weg. Vielleicht deswegen richten sich nach diesem Zusammentreffen alle Sehnsüchte der Frau auf ihn: Sie muss ihn haben, diesen jungen, schönen Mann!

Frisch frisiert und abgefüllt macht sie sich tags darauf auf die Jagd nach ihm – doch er, inmitten seiner jugendlichen Clique, macht sich nur lustig über die alte Schnapsdrossel. Diesmal wird sie von ihrem Gemahl selbst aufgesammelt, während sie noch an die Tür von Michaels Ferienwohnung hämmert. Um zu beweisen, wer hier der wahre Herr ist, fickt der Direktor seine Frau noch auf dem Autositz vor Michaels Augen durch, der sich gerade, am Fenster stehend, die Zähne putzt.

Keine Hoffnung, nirgends. So ist es nur konsequent, dass die Frau am Ende ihren Sohn mit einer Plastiktüte erstickt und damit die Zukunft mordet – in der dieser Sohn, der schon jetzt seine Kameraden ähnlich beherrscht und ausbeutet wie sein Vater die Arbeiter in der Fabrik, nur zu einem weiteren Mann hätte werden können.

„Lust“ ist schwer erträglich. Schließlich ist es nicht nur die Ausbeutung der Frau durch den Mann, die hier schonungslos und an vielen Stellen auf geradezu ekelerregende Weise vorgeführt wird. Jeder beutet hier jeden aus, soweit es eben in seiner Macht steht – bis hin zur freiwilligen Ausbeutung des eigenen Körpers, den die Menschen „Sport“ nennen, bei dem sie sich betäuben und die anderen zu übertrumpfen trachten; und wo sie nicht ausbeuten können, erniedrigen die Menschen sich, um ihren Ausbeutern zu Gefallen zu sein. Selbst der allmächtig scheinende Direktor ist davon nicht ausgenommen – schließlich gehört die Papierfabrik nicht ihm, sondern einem Konzern, und der erwägt, die naturverschlingende Produktionsstätte aus Kostengründen zu schließen: Auch mit dem Direktor könnte es von einem Tag auf den nächsten vorbei sein.

Trost ist nicht im Angebot in Jelineks Provinzporträt. Was Liebe ist, scheint niemand mehr zu wissen, und mangels Geist gibt es auch keine geistige Freiheit. Die Menschen dämmern vor dem Fernseher dahin, die Musik wird in Gestalt des durch den Direktor geleiteten Chors selbst zu einem Mittel der Machtausübung, und gelesen wird nirgends, im ganzen Buch keine einzige Zeile, nicht einmal die Überschriften einer Boulevardzeitung. Eine seltsame Auslassung, genau besehen, steht doch ansonsten jede Ausprägung der zeitgenössischen Konsumgesellschaft am Pranger. Ist das geschriebene Wort der Autorin denn doch (zu) heilig? Oder hätte sie damit zwangsläufig eine Ebene der Reflexion eingeführt, die sie ihren Figuren nicht zubilligen wollte?

Wie wichtig ihr Sprache ist und wie souverän sie damit umgehen kann, dafür ist jedenfalls jeder Satz von „Lust“ Beweis. Jelineks Text ist drastisch, aber er ist nicht „realistisch“ im klassischen Sinne. Die bis auf den Studenten namenlosen Figuren sind keine Charaktere, mit denen man sich identifizieren würde, sondern Prototypen, die uns die Mechanismen unseres Lebens vorführen. Was an „Lust“ berührt, ist weniger das Schicksal der Protagonisten als vielmehr die Detailgenauigkeit der Beobachtungen, in denen man Elemente des eigenen Alltags, der eigenen Welt wiedererkennt.

Und was diesen Text trotz seines Pessimismus und der durchdringenden Wucht seiner Bestandsaufnahme überhaupt erträglich macht, ist die Lust an der Sprache, die sich in jedem Absatz vermittelt. Skrupellos nutzt Jelinek jede sich anbietende Doppelbedeutung oder Lautähnlichkeit von Wörtern, um den Sätzen eine neue Wendung zu geben, um eine weitere Bedeutungsebene zu betreten. Manchmal ist das banal, manchmal verblüffend, manchmal erhellend, durch die schiere Menge allein aber schon berauschend: Was andernorts sprachlicher Höhepunkt oder einsamer Geistesblitz ist, wird einem hier in solcher Masse vorgeworfen, dass Bedeutungsebenen zu schillern beginnen, dass die Abgenutztheit der Alltagssprache nicht nur vorgeführt, sondern überwunden wird.

Allein deswegen schon lohnt es sich, das Buch – noch einmal – zu lesen.

Ein Kommentar zu “Elfriede Jelinek: Lust”

  1. Juhu endlich habe bei dir hier in dem Artikel genau das gefunden was ich suchte. Ich dachte schon das ich im Internet nichts mehr finde und bin fast verzweifelt. Aber jetzt bin ich erst mal gluecklich vielen dank noch einmal.

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