David Foster Wallace: Unendlicher Spaß

von Ulja | 06.03.2010

Raus aufs Meer

Bleiben oder gehen? Weiterlesen oder in die Ecke schmeißen? Das habe ich mich im ersten Drittel des Buches und vielleicht sogar bis zur Hälfte der immerhin 1400 Seiten mehrmals gefragt.
Elendsbeschreibungen, Gewaltexzesse, Verstümmelungen, überbordende und dazu langatmige Beschreibungen aus dem Alltag der Enfield Tennis Akademie, einer Eliteschule für zukünftige Tennisstars. Dazwischen echte Perlen, wunderbar passende Wörter und Wortschöpfungen, die ich so noch nie gelesen hatte, die aber so was von erleuchtend waren.
Ich gebe zu, ohne Leserunde hätte ich aufgegeben. Schwierige Wege gehen sich leichter, wenn man von (Leidens-) Gefährten weiß.

Gerade am Anfang zog das Buch meine Stimmung steil nach unten, träumte ich von „Ihmselbst“, der sich in der Mikrowelle mordete, und konnte meine Gedanken nicht von Avrils Hund abwenden, dessen grausames Ende detailliert in einer der unzähligen Fußnoten beschrieben wird.

Auch wenn die tierquälerischen Gräueltaten eines der Entzugsanstaltsinsassen von Ennet-House, Lenz (Zufall der Name?), der seine Spannungen statt mit Drogen nun mit durch Abschlachten der frei laufenden Tiere eines nahe gelegenen Stadtteils abbaut, die letzte große Zumutung dieses Buches sind, so leiten sie gleichzeitig eine Wende ein. Lenz, der sich Hunde vornimmt, nachdem er alle Ratten und Katzen gemordet hat, bleibt nicht unentdeckt. Drei gewaltbereite Hundebesitzer folgen Lenz bis zu den Pforten von Ennet-House, und Gately, ehemals Abhängiger und nun trockener Insasse mit Betreuerstatus, der sich für Lenz verantwortlich fühlt, verteidigt ihn wortwörtlich bis aufs Blut.
Bei diesem Gewaltexzess wird Gately schwer verwundet, die drei Hundebesitzer sterben und Lenz bleibt körperlich unversehrt. Er verlässt Ennet-House und findet eine neue Herausforderung: reichen Japanerinnen die Einkauftaschen abzunehmen.
Gatelys Beobachtungen und Rückblenden, während er auf der Intensivstation liegt, gehören für mich zu den stärksten Passagen dieses Buches. So entdeckt er zum Beispiel, als er versucht, abhängig machende Schmerzmittel abzulehnen (was nicht einfach ist, da er sich kaum verständlich machen kann), dass jede einzelne Sekunde immer auszuhalten ist, egal wie groß die Schmerzen sind – wenn man nur nicht weiter in die Zukunft denkt, wenn man nur nicht daran denkt, wie viele solcher Sekunden noch kommen werden. Nur diese eine, gegenwärtige Sekunde zählt, dieser Moment. (Was, nebenbei bemerkt, der Kernpunkt spiritueller Praxis der gegenwärtigen Satsang Bewegung ist.) Gately sieht dies als Erweiterung der AA-Maxime, jeden einzelnen Tag ohne Drogen auszuhalten. Gleichzeitig bedauert er, dass er den Krokodilen (den alten trockenen AAs) nicht davon erzählen kann, bedauert, dass er seine Erkenntnis nicht weitergeben kann. Und er bedauert, dass er sein einziges Talent, das Footballspielen, nicht genutzt, sondern die Chance vergeigt hat.

Die Frauengestalten des Buches, Übermutter Avril, Madonna Joelle und diverse verfügbare „Subjekte“, stimmen traurig. Gately muss sich eingestehen, dass er noch nie nüchtern gevögelt hat und dass er noch nie mit einer halbwegs gesunden Frau zusammen war.
So ist der einzige Ausblick (neben dem Besuch von AA-Gruppen) der der gefangenen Hummer, die in den Erinnerungsbildern von Gately ihre Stielaugen durch die Gitterstäbe des Käfigs halten und aufs offene Meer hinaus schauen.

Ein großartiges Buch von einem traurigen Könner; nebenbei gehen einem einige Lichter auf, was alles Sucht ist und wieweit sie reicht und ob wir nicht alle mehr oder weniger süchtig sind, nach Leistung, nach Konsum, nach Anerkennung etc., um die Verunsicherung über die eigene Existenz nicht zu fühlen.
Und es findet in mir ein Weiterdenken statt: Wird Sucht vielleicht nur gegen Sinn gesetzt?

Nebenbei berührende und erhellende Beschreibungen der AA-Szenerie, die ja als weltweit erste Selbsthilfegruppen gelten.

Wenn direkt neben der Entzugsanstalt die Tenniselite gezüchtet wird, in der die Kinder ohne heimlichen Drogenkonsum den Druck und die Sinnlosigkeit ihres leistunsorientierten Tuns nicht aushalten, wird hier auf düstere Weise die amerikanische Leistungsgesellschaft krisiert.
Keine der beschriebenen Figuren hatte eine glückliche KIndheit oder ist unversehrt. Die ständig auftauchenden körperlich Versehrten und Verstümmelten winken mit dem Zaunpfahl, dass es eigentlich um die Seele geht.

Am Ende des Buches liegt Gately am Strand und es ist Ebbe. Als Hummer könnte er ins Meer wandern.

2 Kommentare zu “David Foster Wallace: Unendlicher Spaß”

  1. Maximilian sagt:

    Maßlose Meditation

    Ulja hat schon hervorgehoben, was nach über tausend Seiten voller irrwitziger Einfälle, voller kaputter Menschen, Familien und Gesellschaften, voll zynischen Humors und kaltblütiger Gewalt das überraschende Fazit dieses monumentalen Romans ist: Konzentriere Dich auf den Moment, dann kannst Du ihn auch überleben. Wenn Du jeden Abend zu einem anderen Treffen der Anonymen Alkoholiker gehst, wirst Du alt und weise werden und Neulingen als Krokodil beistehen können.

    Dieses Fazit ist zu Beginn nicht unbedingt naheliegend. Zu Beginn hat mich dieser Text zunächst durch seine Maßlosigkeit überrascht und begeistert: “Himself”, der Gründer der Enfield Tennisakademie, der Vater der jugendlichen Hauptfigur Hal und ein begnadeter Erforscher optischer Phänomene, wird eingeführt als jemand, der seine letzten Lebensjahre dem experimentellen Film gewidmet hat – gefolgt von Anmerkung 24, die (in der englischen Ausgabe) auf neun engbedruckten Seiten die komplette Filmographie dieses Filmemachers aufführt, inklusive Längen, Besetzung und Inhalt. Das zu erdenken war sicherlich ein unendlicher Spaß für David Foster Wallace, und ich kam beim Lesen aus dem Staunen nicht heraus. Und noch dazu sind Anmerkungen wie diese nicht einmal nur Ausfluss des Spieltriebs ihres Autors – man bekommt auch wertvolle Informationen, um überhaupt zu verstehen, was hier abgeht.

    Zunächst nämlich startet das Buch in einer Welt, die zwar in der nahen Zukunft liegt, aber trotzdem sehr fremdartig ist. Es gibt zum Beispiel keine Fernsehsender mehr. Stattdessen gibt es einen monopolistischen Kassetten-Vertrieb, der außerdem gepulst Programme in die Haushalte übermittelt. Es gibt keine Jahreszahlen mehr; stattdessen sind die Jahre nach Produkten benannt. Es gibt auch keine USA mehr, jedenfalls nicht im ursprünglichen Sinne; stattdessen haben sich Kanada, die USA und Mexiko zu “O.N.A.N.” zusammengeschlossen, der Organisation Nord-Amerikanischer Nationen. Wie es zu all dem kam, wird im Laufe des Buches fein säuberlich erklärt – irrwitzig, aber folgerichtig. Aber nur, wenn man auch die Anmerkungen liest.

    Überhaupt ist das Buch keineswegs die experimentelle Sammlung detailreicher Beschreibungen, als die es anfangs erscheint. Im Gegenteil – zwischendrin entwickelt es sich geradezu zu einer Art Krimi. Dreh- und Angelpunkt ist “Unendlicher Spaß”, der letzte Film von “Himself”. Er hat eine erschreckende Eigenschaft: Wer immer auch nur einen kurzen Blick auf ihn wirft, dessen Geist wird unwiederbringlich infantilisiert: Man will nichts anderes mehr, als immer wieder diesen Film zu schauen – bis man, wenn niemand eingreift, stirbt. Diese Eigenschaft findet der US-Geheimdienst erschreckend, während eine Gruppe kanadischer Separatisten den Film gerne als Attentatswaffe einsetzen würde. Beide Organisationen machen sich also auf die Suche nach dem kopierbaren Master des Films – und nähern sich so immer mehr der Tennisakademie, aber auch dem Enfield-Entziehungsheim: Dort landet nämlich die rätselhafte Joelle, die Hauptdarstellerin von “Unendlicher Spaß”. Wie es sich für einen klassischen Roman gehört, sind also alle Hauptfiguren und -orte dieses Textes fein säuberlich miteinander verknüpft: die Tennisakademie, das Entziehungsheim, der Berg, auf dem sich ein Geheimdienstler und ein Separatist miteinander unterhalten.

    Trotzdem ist es nicht die Handlung, die einen durch dieses Buch treibt (und es ist auch nicht nur die Lesegruppe). Zu einem Ende kommt diese Suche auf den über 1000 Seiten eh nicht. Es ist auch nicht das Thema, die Sucht nach Ablenkung und Vergnügen, die uns Drogen nehmen, “Unendlicher Spaß” schauen oder blind ein Ziel verfolgen lassen, bis wir uns in den Tod gelenkt haben. Es sind die ausnehmend präzisen, blendend geschriebenen und nicht selten überraschenden Beschreibungen, die dieses Buch auszeichnen. Und natürlich die abgefahrenen Ideen, die ungebremst aus David Foster Wallace herausströmen: ein leider und zum Glück schließlich doch endender Spaß.

  2. Hilfreicher Artikel ! Ich las gerade einen vergleichbaren Blogpost ueber Buchempfehlungen und auf meiner Suche fand ich erfreulicherweise diese Seite

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