Fjodor Dostojewskij: Der Spieler

von Maximilian | 19.04.2010

Gefühlsstarke Russen werden von deutschem Geschäftssinn vernichtet.


Sie kommen nicht gut weg im “Spieler”, die Westeuropäer: Die Deutschen sind kalte Geschäftemacher, die Franzosen verstecken hinter ihrer Eleganz eine verdorbene Seele, und die Engländer sind einfach zu vernünftig.

Sind die Russen bessere Menschen? Theoretisch ja, praktisch nein. Der Spieler Alexander schwärmt in seiner Eigenschaft als Ich-Erzähler viel von ihnen, aber was wir von ihnen erleben, überzeugt nicht so recht von ihrer Überlegenheit.

Aber von vorne: Alexander ist mittelloser “Hauslehrer” in der Entourage des “Generals”. Der hält groß Hof in der deutschen Kurstadt Roulettenburg, obwohl er hoch verschuldet ist. Am Leben hält ihn nur noch die Hoffnung auf den Tod der reichen Erbtante, deren Ableben ihn von allen Geldsorgen befreien würde. Und nicht nur das: Dann würde ihm auch endlich die berechnende Mademoiselle Blanche ihre Gunst schenken. Fast täglich telegrafiert der General also in der Hoffnung auf die erlösende Nachricht nach Russland.

Statt der Nachricht kommt die Tante selbst und weidet sich am Schock der Bagage. Sie zeigt sich höchst lebendig und wählt Alexander, um sich Roulettenburg zeigen zu lassen – und das Roulettespiel selbst.

Alexander hat unterdessen seine eigenen Probleme. Er ist unsterblich in Pauline verliebt; auf ein Wort von ihr würde er sich, wie er immer wieder betont, ohne zu zögern in eine Schlucht stürzen. Ist es ein Wunder, dass Pauline ihn nicht so richtig ernst zu nehmen vermag? Das wiederum treibt Alexander in den Wahnsinn; so ist er schon froh, wenn Pauline ihm endlich mal wieder ihre Aufmerksamkeit schenkt, und sei es nur, um ihr Spiel mit ihm zu treiben. So spricht er auf Paulines Befehl hin einen in der Allee flanierenden Baron an. Der, aufs höchste erbost, beschwert sich beim General und bringt diesen dadurch in eine peinliche Lage. Doch Alexander weiß, dass er nichts zu verlieren hat – immerhin ist er kein Leibeigener, er kann machen, was er will, ja, er kann sogar den Baron fordern, weil der sich über seinen Kopf hinweg beim General beschwert hat! Diese Drohung ängstigt den General so sehr, dass er von weiteren Schritten gegen Alexander Abstand nimmt. Ohne Stellung ist der einstige Hauslehrer nun jedoch trotzdem. Nur Pauline hält ihn noch in der Stadt – die allerdings in merkwürdigen Verhältnissen zum Franzosen de Grieux und zum Engländer Mr. Astley steht, was die eigentlich freundschaftlichen Beziehungen von Alexander zu Mr. Astley zunehmend belastet.

So also ist die Lage, als die Tante sich in Roulettenburg erstmals von Alexander zum Roulettetisch geleiten lässt. Die alte Dame ist höchst wissbegierig, beginnt zu spielen – und gewinnt haushoch. Triumphierend verlässt sie den Saal – und trifft auf einen General, der aufs höchste alarmiert ist. Wie immer wissen alle, was passieren wird – außer der Betroffenen selbst. Es kommt, wie es kommen muss: Bis auf ihren Immobilienbesitz verspielt die Tante alles. Gebrochen reist sie ab, nur stolz darauf, dass sie dem General tatsächlich nichts gegeben hat.

Alexander jedoch hat zwischendurch mal etwas von ihr bekommen. Und nun sitzt auch noch abends Pauline in seinem Zimmer und gibt sich in seine Hand! Könnte er glücklicher sein? Ja, er könnte – indem er Pauline von ihren Schulden erlöst. Er rast in den Spielsaal und gewinnt ein Vermögen. Er rast zurück ins Hotel, wo Pauline immer noch in seinem Zimmer auf ihn wartet, und legt ihr das Geld zu Füßen – womit er seine Geliebte verliert: Sie glaubt, dass wie alle anderen vor ihm auch er sie nur kaufen will, und flüchtet verzweifelt zu Mr. Astley.

Für Alexander hat das Geld damit seinen Sinn verloren. Fast willenlos liefert er sich Mademoiselle Blanche aus, die plötzlich ihre Zuneigung zu ihm entdeckt. Obwohl sie ihm ganz offen sagt, dass das Geld nach einem Monat weg sein werde, begleitet er sie nach Paris und lässt sich von ihr ausnehmen.

Und danach spielt er weiter, immer in der Hoffnung, aus dem Wenigen, das er hat, nochmal ein Vermögen zu machen. Natürlich gelingt das nicht, er muss sich zwischendurch sogar als Bediensteter verdingen. Doch kaum hat er wieder ein wenig Geld zusammengespart, zieht es ihn erneut in die Spielbanken.

Wird es immer so weitergehen? Eines Tages trifft er Mr. Astley. Der hat ihn im Auftrag von Pauline beobachtet – und ist entsetzt: Aus diesem einst vielseitig interessierten und geistig einigermaßen unabhängigen Menschen ist ein spielsüchtiges Wrack geworden, und das will er auch Pauline berichten, die sich in der Schweiz von ihrem Zusammenbruch erholt. Alexander dagegen ist von den Nachrichten über seine Geliebte elektrisiert: Er wird zu ihr reisen – sofort, nachdem er wieder gewonnen hat!

Dostojewskij entlässt uns also ohne Trost: Alexanders Hoffnung hätte längst verdient zu sterben, aber sie tut es nicht. Dostojewskij weiß das aus eigener Erfahrung: Er hat selbst gespielt, in Wiesbaden, in Bad Homburg, und dabei große Summen und eine Frau verloren. Den “Spieler” schreibt er nur, weil er vertraglich dazu verpflichtet ist: In 26 Tagen diktiert er ihn einer Sekretärin, die er später heiratet.

Vielleicht ist es dieser Eile geschuldet, vielleicht der Kürze des Textes: Im “Spieler” dringt Dostojewskij nicht so tief in die Seele seiner Figuren ein wie in seinen großen Romanen. Ihm gelingt eine überzeugende, wenn auch wenig überraschende Darstellung der Spielsucht mit all ihren (Selbst-) Täuschungen; ihm gelingen eindrucksvolle Schilderungen des Volks, das sich an den Roulettetischen drängelt, von denen, die ein Vermögen verspielen, bis zu denen, die sich als “Experten”, als Ratgeber und Schmeichler andienen und auf großzügige Geschenke hoffen, wenn mal jemand gewinnt. Und er zeichnet das geradezu groteske Bild einer Gruppe von Menschen, die fernab jeder Bürgerlichkeit ein dekadentes Dasein am Rande des völligen Ruins führen: Männer wie der General, die sich täglich – wie es heutzutage heißt – “refinanzieren” müssen; Männer wie de Grieux und Mr. Astley, die das nötige Geld dafür zur Verfügung stellen und damit seltsame Anrechte auf Frauen wie Pauline erwerben; Frauen wie Mademoiselle Blanche, deren Gunst der größten Summe Geldes folgt.

Der General bekommt sie am Ende übrigens doch noch. Da ist die Erbtante tatsächlich totkrank, der General verrückt geworden, und Blanche schmückt sich mit den Titeln des Generals und einer Reihe von jungen Liebhabern. Ein Happy End sieht anders aus. Dostojewskij eben.

2 Kommentare zu “Fjodor Dostojewskij: Der Spieler”

  1. Dostojewski
    Nun ist es schon eine Weile her, dass ich, „der Spieler“ gelesen habe, aber das Buch beschäftigt mich immer noch. Schon relativ am Anfang des Buches auf Seite 18, in der wunderbaren Übersetzung von Svetlana Geier, schreckte mich ein Szene, der Monolog Alexej, aus meinem normal Leseschlaf:
    „Es gab Minuten (und zwar nach unseren Unterhaltungen), dass ich mein halbes Leben gegeben hätte, um sie zu erwürgen! Ich schwöre, dass ich, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, ein spitzes Messer in ihrer Brust zu versenken, es mit Lust, wie mir schien, geführt hätte. Und trotzdem, ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass ich, wenn sie auf dem Schlangenberg auf dem beliebten Aussichtspunkt gesagt hätte: „Springen Sie, auf der Stelle gesprungen wäre, sogar mit Lust.“
    Was für eine Leidenschaft hat dieser Alexej, dachte ich, was für ein Einsatz und was für eine Lebendigkeit. Die wussten noch zu fühlen, die Russen! Und genierten sich nicht es zuzugeben. Bei uns dagegen ist im Jahre 2010 Coolness angesagt. So kalt und distanziert, dass es sogar in Englisch daher kommen muss.

    Der Spieler ist nicht das erste Buch, das wir in der Lesegruppe von Dostojewski gelesen haben. Die Brüder Karamasow führten wir uns schon vor einigen Jahren zu Gemüte. Nebenbei, ein großartiges Buch, das etwas mehr Durchhaltevermögen bei immerhin 1280 Seiten verlangt. Dagegen hat man bei diesem (mit etwas mehr als 200 Seiten) leichtes Spiel. Die Ich-Figur Alexej, der Spieler, ist außer sich, ruht nicht in sich selbst, handelt unter Strom und beobachtet sich dabei – und lässt uns also teilhaben an seinem rasanten Rollenwechsel. So ist er Lehrer, Geliebter, Begleiter, Vertrauter, Anbetender, Beobachter, Spieler, Geldgeber, Gewinner und Verlierer. Den Ablauf des kleinen Romans hat Maximilian oben schon beschrieben. So wie Alexej gerät auch die Babuschka, die reiche Großtante auf deren Ableben und Erbe so viele warten, unter Strom. Mit ihrem Rollstuhl steht sie oben an der Treppe und kann es nicht erwarten, dass Alexej wieder mit ihr ins Kasino geht. Die Beschreibung ihres Auftrittes ist großartig. Wie die Menschen um sie herum reagieren. Wie sie von ihrer Umgebung behandelt wird, wenn sie reich ist und wie, wenn sie alles verspielt hat.
    Wo sind die Wirkung des Geldes und die Gier danach, so überragend und direkt beschrieben worden? Und doch ist gleichzeitig kronleuchterglar, dass sich die entscheidenden Dinge nicht kaufen lassen. Alexander verliert seine Geliebte in dem Moment als er seine Aufmerksamkeit von ihr weg, dem Geld zuwendet, dass er für sie gewinnen will. Eine andere Frau wendet sich nicht ihm, sondern seinem Geld zu. Benommen und als Betäubung seines Herzensverlustes, taumelt er mit ihr nach Paris. Wissend, dass sie nicht ihn will, sondern nur sein Geld. Halt an Alexej, wollte ich mehrmals rufen, so wie man in einem spannenden Film den Helden zuruft, halt einmal an.

    Dostojewski hat das alles selbst erlebt. Er war jahrelang spielsüchtig und schrieb diesen Roman unter Zeitdruck, hätte er ihn nicht rechtzeitig abgegeben, wären die Rechte sämtlicher (auch der zukünftigen) Werke an seinen Verleger gefallen. Sein Spielleid hatte ihn Geldnöte und Schulden beschert.
    Spannend finde ich, dass Dostojewski irgendwann von selbst mit dem Spielen aufhörte. Nein, nicht weil eine Frau ihn rettete, die hatte er schon vorher kennen gelernt, beim Diktieren dieses Buches. Die beiden hatten schon zwei Kinder als er mit dem Spielen aufhörte. Aus sich selbst heraus. Er sagte einfach irgendwann: das war jetzt das letzte Mal.

  2. Auf dieser Seite sollte nichts fehlen, von dem, was sie über Dostojewski schon immer wissen wollten. Wollen Sie von Dostojewski nichts wissen, wird sich das nach dem Besuch dieser Seite anders sein.Garantiert.

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