von Maximilian | 24.04.2010
Ungebremst bricht es aus ihm heraus: ein exaltierter Portnoy über Sexsucht und jüdische Identität
Ich wollte schon immer mal etwas von Philip Roth lesen. Warum also nicht mit dem Buch beginnen, dass ihn 1969 bekannt und berühmt gemacht hat? Zumal Sexsucht ja ein durchaus populäres Thema ist derzeit.
Alexander Portnoy, der Ich-Erzähler, ist Mitte 30 und ein durchaus geachteter Bürger New Yorks: Mit einem Intelligenzquotienten von 158, einem glänzend abgeschlossenen Jurastudium und einem begeisterten Engagement für die Benachteiligten hat er es schnell auf einen hohen Posten in der Stadtverwaltung geschafft, wo er für die Bekämpfung von Diskriminierung zuständig ist. Klingt gut, oder?
Portnoy fühlt sich aber nicht gut. Portnoy ist hochgradig neurotisch. Immer noch wird er von seinen Mittelklasse-Eltern (Vater Versicherungsvertreter, Mutter Hausfrau) wie ein kleiner Junge behandelt, und er weiß nicht, wie er sich dagegen wehren soll. Und immer noch – und noch viel schlimmer – ist er schwanzgesteuert: Unablässig onaniert er und ist auf der Jagd nach frischen Mösen – während er sich gleichzeitig dafür geißelt, dass er immer noch nicht verheiratet ist, dass er noch keine Familie gegründet hat, keine Frau beschützt und keine Kinder großzieht: Ist es nicht das, was er eigentlich will?
Tja, schwer zu sagen, weswegen Portnoy das alles auch nicht den Lesern, sondern einem Psychotherapeuten erzählt; vielleicht kennt der des Rätsels Lösung. Aber würde Portnoy sie wirklich hören wollen? Das Suhlen in seinen Neurosen scheint ihm jedenfalls immer wieder gehöriges Vergnügen zu bereiten, und nicht ohne Stolz erzählt er von den vielen Frauen, die er hatte, und von den wenigen, die seine Frau hätten werden können.
Insbesondere auf das “Äffchen”, die letzte Kandidatin, kommt er immer wieder zurück. Er hatte diese wahnsinnig sexy Frau mit der Figur eines Models einfach auf der Straße angesprochen – und seine kühnsten Träume waren wahr geworden: Noch bevor sie seinen Namen kannte, war sie schon mit ihm ins Bett gesprungen. Da haben sie sich in der Folgezeit auch hauptsächlich aufgehalten, und wenn nicht, so haben sie den Sex so weit wie möglich in die Öffentlichkeit ausgedehnt. Eine typische Szene: Sie sitzen zusammen im Restaurant, das Äffchen greift sich zwischen die Beine – sie trägt nie einen Slip – und hält ihm ihre Finger zum Schnuppern unter die Nase.
Aber auch sie lässt Portnoy sitzen: Wie hätte er eine Frau heiraten können, die mit Ende 20 “Liber” immer noch ohne “e” schreibt! Tja, immer findet sich etwas, und so liegt er nun einsam beim Seelenklempner auf der Couch.
Wo ihn noch ein anderes Thema beschäftigt: seine jüdische Identität. Von klein auf wurde ihm eingebläut, dass die goj, na ja, nicht wirklich richtige Menschen sind, jedenfalls völlig anders als die Juden und irgendwie schlechter. So wenig wie möglich sollte man mit ihnen Kontakt haben, weswegen die junge Familie auch schnell in ein rein jüdisches Viertel gezogen ist. Kein Wunder, dass der kleine Alex sich auch ganz anders fühlt als die anderen – und aus Rebellion und Neugier mit Vorliebe Jagd auf Schicksen macht, die blondhaarigen Christinnen aus den benachbarten Vierteln. Auch dieses Thema begleitet ihn noch mit Mitte 30, so dass er, als er erstmals nach Israel kommt, völlig überwältigt ist: Hier sind alle Juden! Er kann es nicht fassen – und bekommt, trotz zweimaliger Versuche mit selbstbewussten Israelinnen, in diesem Land keinen hoch.
Selbsthass und Selbstverliebtheit, sexuelle Befreiung in Form von drastischen Berichten aus einem neurotischen Sexualleben: Trotz vieler banaler, ja peinlicher Szenen mangelt es diesem Text nicht an großen Gefühlen. Portnoy erzählt sich in einen Rausch, und so fällt es schwer, das Buch trotz seiner Sprunghaftigkeit, trotz seiner vielen kleinen Episoden zwischendurch aus der Hand zu legen. So gesehen ist es großartig. Aber natürlich geht einem dieser eingebildete, selbstbezogene Erzähler auch schnell auf die Nerven, und trotz der vielen schönen Details und der drei Jahrzehnte, die es überspannt, tritt es irgendwie auf der Stelle…
Ich muss zugeben, dass ich noch einen Grund hatte, gerade jetzt gerade Roth und gerade dieses Buch zu lesen: nämlich “The Program Era” von Mark McGurl. Dort erscheint “Portnoys Beschwerden” als Paradebeispiel einer neuen literarischen Richtung, die mit dem Ideal des “unpersönlichen Berichts”, des strengen “show, don’t tell” bricht und eine hochgradig individuelle, an der Tradition des mündlichen Erzählens orientierte Stimme einführt – die noch dazu einer Minderheit eine Stimme gibt. “The Program Era” vertritt überzeugend die These, dass dies tatsächlich eine ganze Bewegung in der US-Nachkriegsliteratur war (wo die sich plötzlich sehr persönlich äußernden Minderheiten nicht nur die Juden, sondern auch die “native” und die “african americans” waren). Auch unter diesem Aspekt ist “Portnoys Beschwerden” also durchaus eine lohnende Lektüre.
Dieses Buch haben wir nicht in der Lesegruppe gelesen.