Philip Roth: Zuckermans Befreiung

von Maximilian | 03.05.2010

Eine Umdrehung weiter: plötzlich berühmt – was nun?

Nathan Zuckerman ist Schriftsteller. Er kommt aus Newark, lebt aber nun in New York, seit kurzem sogar in einer der nobleren Ecken der Stadt. Er ist jetzt nämlich reich: Sein letzter Roman, “Carnovsky”, hat sich zum Bestseller entwickelt. Plötzlich findet sich Zuckerman auf Promi-Parties wieder, verbringt eine Nacht mit einer bekannten Schauspielerin, und sein Agent empfiehlt ihm dringend, sich mal ein paar vernünftige Anzüge zu kaufen und nicht mehr mit dem Bus zu fahren.

Ist “Zuckermans Befreiung” also ein Roman über den Umgang mit unerwarteter Berühmtheit? Könnte man meinen. Genausogut könnte es aber auch ein Krimi sein. Zuckerman wird nämlich erpresst: Wenn er nicht eine höhere Geldsumme rausrücke, werde seine Mutter entführt. Zuckerman kann sich nicht so richtig entscheiden, ob er die Drohung ernst nehmen soll oder nicht – insbesondere, da er als Erpresser den durchgeknallten Alvin Pepler in Verdacht hat. Pepler verfolgt Zuckerman seit einiger Zeit. Er ist ebenfalls Jude und kommt auch aus Newark, die beiden haben sogar gemeinsame Bekannte. In New York ist Pepler auf der Suche nach Genugtuung für die größte Demütigung seines Lebens: Bei einer Quizshow, die er mit Sicherheit gewonnen hätte, haben sie ihn ausgebootet. Nun hängt er sich an Zuckerman, den er mit einer Art Hassliebe verfolgt: Zuckerman hat es geschafft, er hat Erfolg – aber hat er mit “Carnovsky” nicht Peplers Geschichte erzählt, hat Zuckerman nicht Pepler um seine Geschichte betrogen?

Nein, kein Krimi – Zuckermans Mutter wird nie entführt, und man erfährt auch nicht, ob Pepler oder sonst jemand das wirklich im Sinn hatte. Stattdessen tritt gegen Ende des Buches plötzlich die Familiengeschichte Zuckermans in den Vordergrund: Sein Vater stirbt, Zuckerman spricht sich mit seinem Bruder aus. Ist er nun von den Schatten der Vergangenheit, ist er von familiären Rollenverpflichtungen befreit, wie es der Titel verspricht?

Ein Verwirrspiel, dieser Roman. Schließlich ist Roth kurz vor Abfassung von “Zuckermans Befreiung” selbst durch einen Roman berühmt geworden, der viel mit “Carnovsky” gemeinsam hat: “Portnoys Beschwerden” eben. Zuckerman hat einige der Probleme, die auch Portnoy hatte – insbesondere vermag er es nicht, bei einer Frau zu bleiben, selbst wenn er erkannt hat, dass sie ihm eigentlich gut tut. Und Portnoy hatte sich Meriten bei der Aufklärung der Quizshow-Affäre erworben, deren Opfer Pepler geworden ist. Was also ist der Autor, was Fiktion? Ist das überhaupt wichtig?

“Zuckermans Befreiung” liest sich locker weg, nur gegen Ende, in den Reflexionen über den Tod des Vaters, hat das Buch einige Längen. Und es sind ja auch durchaus gewichtige Probleme, mit denen sich Zuckerman hier herumschlägt. Der Durchblick bleibt ihm allerdings verwehrt, so wie der Text insgesamt auf mich etwas erratisch wirkte in seiner ständigen thematischen Neuausrichtung. Sollte nicht Literatur Erleichterung verschaffen, indem sie all das fein säuberlich ordnet, was im gewöhnlichen Leben so durcheinander bleibt? Hier nicht. Vielleicht ist das ja eine Qualität.

Diesen Roman haben wir nicht in der Lesegruppe gelesen.

Ein Kommentar zu “Philip Roth: Zuckermans Befreiung”

  1. Hi! Ich dachte mal, ich hinterlasse einfach mal einen Eintrag zu Deiner Webseite. Ist dir wirklich hervorragend gelungen. Ich nutze jetzt auch seit einiger Zeit WordPress, blicke aber noch nicht so ganz durch. Also, eine gute Seite und gute Arbeit, weiter so :-)

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