T.C. Boyle: América

von Ulja | 13.06.2010

Rassismus und Frauenverachtung

„T.C. Boyle schildert in seinem Roman ›América‹ schonungslos, wie hart das Schicksal von Migranten ist, die in ein Land kommen, in dem sie nicht erwünscht sind“ – soweit eine der vielen positiven Stimmen bei Amazon.


Vordergründig sieht es so aus, als würde der Autor auf der Seite der armen und unterdrückten mexikanischen Einwanderer stehen und gleichzeitig den American Way of Life kritisieren. Das ist jedoch nur das sozialkritische Aushängeschild dieses Textes. Dahinter kommt eine zutiefst rassistische und frauenverachtende Sichtweise des Autors zum Vorschein, die aus dem Buch schlussendlich sogar eher eine Rechtfertigung der US-amerikanischen Lebensweise werden lässt.

Vordergründig ist dieses Buch auch spannend. Schnell merkt man aber, wie konstruiert die Geschichte ist, so konstruiert, dass die Lektüre keinen Spaß mehr macht, weil man immer schon vorher weiß, was passieren wird.

Da ist zunächst das amerikanische Paar. Die Frau ist Immobilienmaklerin, der Mann Autor (es scheint in Amerika nur diese zwei Berufe zu geben…). Morgens trinkt die Immobilienmaklerin Vitamingetränke, statt zu frühstücken, und das Kind muss Müsli essen, obwohl es lieber Ei und Speck möchte wie die anderen Kinder aus seiner Klasse. Der Mann, der Autor, schaut zu, möchte ebenfalls Speck mit Eiern essen und muss doch die Sichtweise der Frau dem Kind gegenüber verteidigen. Ok, ein müdes Lächeln. So besonders neu und witzig ist das allerdings nicht.

Die Gegenseite wird durch die illegalen Einwanderer Cándido, seine schwangere Freundin América und viele andere mexikanische Tagelöhner dargestellt. Die mexikanischen Männer erscheinen in dem Buch durchweg als dumm, hässlich, unappetitlich, stinkend und mit schlechten Zähnen versehen – und sie sind darauf aus, Frauen zu vergewaltigen. Sie stehlen, verschandeln die schöne Natur durch den Müll, den sie überall herum liegen lassen – und sie sind dafür verantwortlich, dass sich keiner mehr sicher fühlen kann.

So macht uns Boyle klar, wie schwer es fällt, Verständnis zu haben für diese „Tiere“, die – ähnlich wie die Kojoten, die in den umzäunten Garten der Musterfamilie eindringen und dort einen nach dem anderen die niedlichen Haushunde der Immobilienmaklerin ergreifen und töten – eine Bedrohung sind. Bald empfinden das auch die gutmütigsten Amerikaner so, gutmütige, liberal eingestellte Amerikaner wie die Hauptfigur, die ihren Lebensunterhalt mit Kolumnen über ihre Naturerlebnisse verdient. Was sollen die armen Amerikaner denn tun? Sie müssen sich abschotten, müssen das Tor und die Mauer um ihre Siedlung bauen lassen, um sich vor den Mexikanern und den Kojoten zu schützen.

Unübersehbar genießt es der Autor, die junge Mexikanerin América, Titelgeberin des Romans, nackt und verfolgt durch die Steppe laufen zu lassen, genießt es, sie in einem Luxusschlitten von einem dicken Amerikaner befingern zu lassen. Das soll spannend sein, ist es aber nicht. Es ist langweilig wie deutsches Privatfernsehen, platt, vorhersehbar, klischeehaft und gewollt emotional aufwühlend (wenn man sich darauf einlässt).

So wird – nachdem T.C. Boyle über Dutzende von Seiten hinweg penetrant die entsprechende Drohkulisse aufgebaut und Andeutungen gemacht hat – die schwangere América vergewaltigt, von ihren eigenen mexikanischen Landsleuten; ebenso eine ältere Amerikanerin und eine Trekkerin, die es wagte, allein wandern zu gehen. Nur die Immobilienmaklerin, die T.C. Boyle kleidet „wie eine Prostituierte“, bringt er vor den gierigen mexikanischen Männern in Sicherheit. Im letzten Moment, versteht sich, so dass der Leser sich noch alles schön ausmalen und die Leserin erschaudern kann.

Da das ganze sozialkritisch sein will, sollen wir den Name der jungen schwangeren mexikanischen Frau América als Sinnbild für das geschundene Amerika verstehen, in dem América und ihr Mann, wie die heilige Familie, keinen Platz zum Leben finden und überall abgewiesen werden.

Der Autor wollte vielleicht etwas Gutes tun, ein Buch über unerwünschte Einwanderer schreiben, auf der Seite der Geächteten sein: Seine wahre Sichtweise ist aber zutiefst rassistisch und frauenfeindlich, und die sozialkritische Haltung dient nur als Alibi, um seine sexuellen Gewaltphantasien gemischt mit rassistischen Vorurteilen zu präsentieren.

Vor einigen Jahren gab es für mich ab und zu einen Grund, Fernsehen zu schauen. Das literarische Quartett traf sich und besprach, ähnlich wie wir in der Leserunde, Bücher. Einer meiner Lieblingsakteure hatte ungefähr zehn wunderbare Standartsätze, die zu meiner Beglückung immer wieder abgespult wurden. Einer davon, der die anderen schier zur Verzweiflung brachte, hieß: Warum soll ich das lesen?

Literatur, die ich gerne lese, berührt und überrascht mich, verändert oder erweitert meine Sicht, öffnet und transzendiert, was ich möglicherweise nur erahne, weitet den Himmel und lotet die Tiefe, unterhält mich, ist voller Wortschöpfungen, Witz und hat eine neue Perspektive.

Dieses Buch dagegen ist eng, angsteinflößend, Vorurteile abspulend und hinterlässt einen schalen und abgestandenen Geschmack.

Ein Kommentar zu “T.C. Boyle: América”

  1. Maximilian sagt:

    T.C. Boyle ist hier nicht als erster an einem höchst anspruchvollen Vorhaben gescheitert: aus Sicht von Menschen zu schreiben, deren kulturelle Prägung und Lebenswirklichkeit dem Autor völlig unbekannt sind. Sicher, Boyle wird recherchiert haben. Das reicht aber nicht, um – wie Boyle es hier versucht – die Hälfte eines Romans aus der Sicht von hungerleidenden Menschen zu schreiben, die in einem anderen Land aufgewachsen sind, die eine andere Sprache sprechen, deren Leben in jedem Detail völlig anders aussieht als das eines US-amerikanischen Erfolgsautors. Boyle ist in die Falle getappt – mit dem Ergebnis, das Ulja oben schön zusammengefasst hat: Der Autor vermittelt nicht ein Bild von der Lebenswirklichkeit und der Gedankenwelt seiner Protagonisten, sondern bebildert nur seine Vorurteile.

    Ich habe mich gefragt, ob das Boyle nicht doch irgendwann selbst aufgefallen ist. Das Buch jedenfalls, das ganz klassisch-realistisch beginnt, gewinnt beim Voranschreiten zunehmend Züge einer Groteske, so rasch folgen die Schicksalsschläge aufeinander, so unwahrscheinlich werden sie. Dieser Versuch, sich in bewusst Übertriebene, ja Märchenhafte zu retten (und so auch das Holzschnittartige der Figuren stimmiger zu machen), kommt allerdings zu spät und ließ das Buch auf mich seltsam unstimmig wirken. Dazu passt das Ende, das sowohl die heile Welt der Amerikaner als auch die brüchigen Provisorien der Mexikaner in einer sintflutartigen Schlammwelle untergehen lässt – ein mutloser, effekthascherischer Schluss, der deutlich macht, dass Boyle nicht mehr wusste, was er mit diesem Text machen sollte.

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