Thomas Bernhard: Beton

von Maximilian | 19.07.2010

Der österreichische Grantler mal erschreckend anders

Zu Beginn wirkt “Beton” wie ein typischer Bernhard-Text. Da ist der Ich-Erzähler, der außer sich selbst und der wenigen Weltumstände, die ihn direkt betreffen, nichts wahrzunehmen vermag, und der um sich selbst, sein eigenes Leiden, seinen eigenen Hass wortreich kreist, in langen Sätzen, in stetigen Wiederholungen. Hier heißt der Herr Rudolf, und er versucht seit Jahren, einen Aufsatz über den Komponisten Mendelssohn-Bartholdy zu schreiben. Man kann Rudolf nicht vorwerfen, das Unternehmen nicht akribisch vorbereitet zu haben: Ganze Räume seines Elternhauses in kalter österreichischer Bergeinöde sind mit Material gefüllt, das Wichtigste ist fein säuberlich auf dem Schreibtisch ausgebreitet. Allein: Es fehlt der erste Satz, es fehlt der Impuls zum Beginnen. Das treibt Rudolf in den Wahnsinn. Ein Ritual nach dem anderen erprobt er, um endlich ins Schreiben zu kommen, aber nichts funktioniert.

Wer ist schuld? Natürlich nicht Rudolf, nein: seine Schwester ist’s. Sie ist der radikale Gegenentwurf zum weltabgewandten Intellektuellen Rudolf: Sie ist erfolgreiche Maklerin, sie kennt Gott & die Welt, ständig treibt sie sich auf Partys herum, unablässig knüpft sie Kontakte, voller Freude vermehrt sie ihren Besitz. Und leider, leider tut sie das alles nicht nur in Wien: Immer wieder stört sie ihren Bruder im Elternhaus auf, und der kann es nicht verhindern, weil seine Schwester im Testament der Eltern zu seinem Unglück ein lebenslanges Wohnrecht in eben diesem Hause eingeräumt bekommen hat. Allein schon der Gedanke, dass seine Schwester jeden Moment in der Tür stehen könnte, hält Rudolf schon von jedem eigenen Gedanken fern.

So weit, so gut, so typisch. Doch schnell zeigt sich zum Glück, dass es so einfach nicht ist. Der Hass, den Rudolf gegen seine Schwester hegt, ist nur eine Seite der Medaille, und das weiß Rudolf selbst. Natürlich, sie stört ihn, sie geht ihm auf die Nerven; aber könnte es nicht sein, dass sie das wirklich tut, weil sie ihm Gutes will? Ist sie nicht die letzte, die sich noch aus eigenem Antrieb um ihn kümmert? Und hat sie nicht Recht damit, dass er einmal wieder herauskommen müsste aus dem düsteren Haus?
Sie hat Recht. Und so bucht Rudolf unter Auferbietung aller Kräfte – zu allem Überfluss hat er auch noch Morbus Boeck, kann sich immer schlechter bewegen, alles fällt ihm immer schwerer, vielleicht stirbt er ja bald – einen Flug nach Mallorca. Auch das ist im Endeffekt nur eines seiner Rituale, schon oft ist er dorthin gereist, schon oft hat er dort versucht zu schreiben. Und natürlich funktioniert es auch diesmal nicht: Er kommt an, aber sobald er auf der Insel im Café sitzt, fällt ihm die junge österreichische Frau ein, die er im Jahr zuvor getroffen hatte.

Und hier passiert das Wunder: Bernhard verlässt seinen Ich-Erzähler, Bernhard erzählt von jemand anderem! Natürlich nicht völlig, wir erfahren die erschütternde Geschichte der jungen Frau aus dem Munde von Rudolf. Aber doch weitet sich der Blick, aus dem Hirn des Erzählers geht es raus in die Welt, plötzlich geht es um ein Geschehnis, das mit dem Erzähler nur insoweit zu tun hat, als er zufällig davon erfahren hat.

Rudolf hatte damals die verzweifelt wirkende junge Frau angesprochen, und die hatte nicht gezögert, ihm ihr Leid zu klagen: Ihren eigentlich ganz zufriedenen Mann hatte sie in die Selbständigkeit gezwungen; der Elektroladen in München ging über ihre Kräfte, und noch dazu drohte ihm schnell die Pleite; um etwas auszuspannen, waren sie mit ihrem kleinen Kind nach Mallorca gekommen; dort war der Mann des Nachts auf den Hotelbalkon getreten und in den Tod gestürzt.

Erschüttert war Rudolf mit der jungen Frau zu dem billigen Hotel gefahren und hatte sich auf dem Friedhof das Grab zeigen lassen. Nun, ein Jahr später, zieht es ihn wieder dorthin – und voller Schrecken muss er feststellen, dass auf dem Grabstein neben dem Namen des Mannes nun auch der der Frau steht: Selbstmord, wie ihm ein Friedhofsangestellter verrät. Erschüttert kehrt Rudolf ins Hotel zurück, nimmt mehrere Schlaftabletten und wacht nach 26 Stunden wieder auf – “in höchster Angst”.

Was anfangen mit diesem merkwürdigen Text? Er ist meisterhaft geschrieben, die Sätze mit ihren Wiederholungen und Insichselbstverschlingungen korrespondieren zum musikalischen Thema – aber woher dieser Bruch, wieso plötzlich diese andere Geschichte in der zweiten Hälfte des Buchs? Wie die Werkausgabe mit ihrem Rezeptionsüberblick zeigt, hat das schon beim Erscheinen 1982 die Kritiker herausgefordert: Jeder hat sich seine eigene Lösung ausgedacht, keine überzeugt völlig. Am naheliegendsten ist noch, vom letzten Wort des Textes auszugehen: der “Angst”. Zwar zeigt sich Rudolf das ganze Buch über als Bedenkenträger ersten Ranges, aber Gefühle sind seine Sache nicht. Erst ganz am Ende zeigt er eines: eben diese Angst. So gesehen lässt sich “Beton” als Geschichte einer Geburt lesen, so wird auch das Titelwort mehr als die Anspielung auf die Betonplatte, auf die der Mann vom Balkon aus geknallt ist: Rudolf, erstarrt im Gehäuse seines Elternhauses, zu Wahrnehmungen außerhalb seiner kaum noch fähig, das Gefühlsleben einbetoniert, kommt durch die Reise nach Mallorca und durch den Schock auf dem Friedhof in die Welt zurück. Er vermag wieder etwas außer sich wahrzunehmen, er hat wieder Gefühle.

Abgesehen von diesem Versuch, das Buch zu “verstehen”, bleibt der Text vor allem eins: ein großer Lesespaß – jedenfalls für einige aus der Lesegruppe!

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