von Maximilian | 16.08.2010
Das Feuilleton ist sich einig – die Lesegruppe auch?
Gerade erst erschienen, nahezu ein Bestseller: Solche Bücher sind selten bei der Lesegruppe. In Frankreich mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, in Deutschland in den Feuilletons einhellig gelobt: Konnten wir da etwas falsch machen?
Nun ja. Natürlich ist “Drei starke Frauen” kein schlechtes Buch, was sich allein schon daran zeigte, dass wir stundenlang über verschiedene Aspekte dieses Textes diskutieren konnten. Und natürlich hat es kein Werk leicht, das sich mit einer solchen Menge von Vorschusslorbeeren bekränzt zu uns schleppt; allzu leicht purzeln dabei einige herunter. Und so ist es, um das schon einmal vorwegzunehmen, auch diesem Buch von Marie NDiaye gegangen.
Worum geht es? “Drei starke Frauen” verspricht der verblüffend programmatische Titel, und da fangen die Diskussionen schon an: Sind das wirklich drei starke Frauen, die uns NDiaye hier vorführt? In der ersten Geschichte eilt eine in Frankreich lebende Anwältin aufgrund eines Hilferufes ihres Vaters nach Afrika. Der alte Mann hatte die Familie einst verlassen, um in Afrika mit der Gründung eines Feriendorfes sein Glück zu versuchen – lange Jahre durchaus erfolgreich. Doch jetzt ist er alt und verarmt, sein riesiges Haus zerfällt, die Menschen, die er um sich geschart hatte, sind verschwunden. Seine Tochter Norah hat ihn lange nicht gesehen: Er hatte damals seinen Sohn Sonny mitgenommen, quasi entführt, was ihn dem Rest der Familie gründlich entfremdet hatte. Norah ist gespannt, was nun zu diesem Hilferuf geführt hat; richtig wohl fühlt sie sich allerdings nicht mit ihrer Entscheidung zu dieser Reise, nicht zuletzt, weil sie ihre eigene Familie zurückgelassen hat: Sie hat gern alles unter Kontrolle.
Diese Kontrolle entgleitet ihr in Afrika zusehends. Ihr Vater verunsichert sie, nicht nur, weil er wie ein Vogel auf einem Baum über dem Hauseingang haust, sondern auch, weil er sich an viele Details der letzten Jahrzehnte ganz anders erinnert als Norah selbst. Norah wird unsicher: Hatte ihr Vater wirklich schon immer diesen Diener? Hat sie wirklich mal in einem Häuschen hier in der Stadt gelebt? Jetzt jedenfalls zieht sie in dieses Häuschen, übernimmt die Verteidigung ihres Bruders, der des Mordes angeklagt ist, und fühlt sich zunehmend wohl – so wohl, dass sie eines Abends zu ihrem Vater in den Baum klettert…
Ist das nun eine starke Frau? Wir waren uns da keineswegs einig. Ja, sie ist ihren Weg gegangen, sie ist Anwältin geworden – aber dass sie sich nun in Afrika einlebt und neben ihrem Vater auf diesem Baum landet, scheint seine Ursache viel weniger in einer bewussten Entscheidung ihrerseits zu haben als dem subtilen Einfluss von Vater und Umgebung.
Ähnlich ging es uns in Geschichten zwei und drei. In der zweiten fahren wir im Hirn eines Küchenverkäufers durch die Umgebung seines Arbeitsplatzes in einer französischen Stadt. Einst war er stolzer Lehrer an einem Gymnasium in Afrika gewesen, wo er auch seine Frau kennengelernt hatte, die aus ärmlichen Verhältnissen heraus ebenfalls zur Lehrkraft aufgestiegen war. Eine Schlägerei mit Schülern hatte ihm die Suspendierung eingebracht. Daraufhin hatte er seine Frau überredet, mit ihm nach Frankreich zu gehen. Da hat sie natürlich keinen Job bekommen und er den seinen nur durch Vermittlung seiner Mutter. Gedemütigt schleicht er durch seine Tage, so wie sie die ihren unzufrieden und unausgefüllt durchlebt. Nun hat er durch einen eklatanten Planungsfehler auch noch seinen Arbeitsplatz verloren. Während seiner Odyssee durch die Straßen der Stadt wird ihm so einiges über seine Vergangenheit klar. Aber kann das wirklich, wie angedeutet, von einem Moment auf den anderen sein Leben verändern und die ganze verfahrene Situation retten? Und wo liegt hier die Stärke der Frau? Dass sie ihren Mann ihre Misslaunigkeit spüren lässt? Eher scheint es auch hier die Geschichte einer Frau zu sein, die einst stark war, der das Leben dann aber doch einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.
In der dritten Story schließlich ist die Hauptfigur eine junge Witwe. Notgedrungen lebt sie bei der Familie ihres verstorbenen Mannes, die sie täglich fühlen lässt, wie überflüssig sie ist und wie teuer es kommt, für sie zu sorgen. Also schicken sie Khady eines Tages mit ein wenig Geld auf eine lange Reise: Sie soll zu Verwandten nach Europa fahren – der Frau des Lehrers aus Geschichte Nummer zwei – und von dort Geld schicken. Khady ist zunächst völlig überfordert, dann aber zunehmend stolz auf sich: Sie entdeckt sich als eigenständige Persönlichkeit und ist davon so berauscht, dass alle Widrigkeiten der Reise nach Europa ihr nichts anhaben können. Und dieser Widrigkeiten gibt es so einige: Sie verletzt sich schwer an der Wade, als sie aus einem brüchigen Schlepperboot zurück an Land watet; sie wird ausgeraubt und fristet ihr Dasein monatelang als Prostituierte im Hinterzimmer eines Kiosks; schließlich stirbt sie beim Versuch, den Zaun zu einer der europäischen Enklaven in Nordafrika zu überwinden. Aber, wie gesagt, all das macht ihr nichts aus. Ist das Stärke – oder nicht eher völlige Verblendung?
Abgesehen von der Frage nach der Stärke der Frauen gibt es bei diesem Buch natürlich noch eine Reihe von anderen Aspekten. Was die Lektüre auf jeden Fall lohnend gemacht hat, ist das Changieren zwischen Europa und Afrika in diesem Text. NDiaye präsentiert keine afrikanische Folklore, bei der man genüsslich das Fremdartige goutieren könnte. Alle Figuren in diesem Buch haben einen Bezug zu beiden Welten, die auf diese Weise unauflöslich miteinander verbunden und getrennt zugleich erscheinen – ein zeitgemäßer und angemessener, aber gar nicht so leicht umzusetzender Ansatz.
Ist der Text in dieser Hinsicht also höchst realistisch, durchziehen ihn andererseits auch durchgehend magische Momente. Der in seinem Baum hockende Vater der ersten Geschichte, die plötzlich in Afrika auftauchende und wieder verschwindende Familie von Norah; die verzerrte Wahrnehmung des Mannes in der zweiten, der Raubvogel, der sich, eingebildet oder tatsächlich, immer wieder auf ihn stürzt; Khadys unerschütterliches Selbstbewusstsein in der dritten, das die Außenwelt nur wie durch einen Schleier zu ihr dringen lässt – Elemente wie diese geben den Erzählungen etwas sehr Subjektives, verstärken die Verbindung mit dem Bewusstsein der Hauptfiguren, überziehen alles aber auch mit einem surrealen Schleier, der zumindest bei mir zu einer gehörigen Distanz zu den Figuren gesorgt hat.
Wozu auch die Konstruiertheit des Textes beigetragen hat. An vielen Stellen empfand ich das Buch als zu gewollt – sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Manche symbolträchtigen Bilder werden bis zur Penetranz zitiert, der Mann der zweiten Geschichte stürzt von einem Bewusstseinszustand in den nächsten, die Geschichten werden lose miteinander verbunden, ohne dass das eine Rolle spielen würde: Rund ist der Text nicht und auch nicht bewusst sperrig; “too much” trifft es vielleicht am ehesten, spürbare Bemühtheit.
Kein Meisterwerk also, wir waren nicht so begeistert wie vom Feuilleton eingefordert. Vielleicht beim nächsten Mal.