F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby

von Maximilian | 22.02.2011

Die Liebe ist ein Wahn, Freundschaft nur eine Illusion, Ehrbarkeit eine Frage des Geldes und ein Menschenleben nicht viel wert: F. Scott Fitzgeralds Kritik des „American Dream“.


Der große Gatsby ist ein Rätsel. Der Faszination dieses Rätsels kann sich auch der junge Nick Carraway nicht entziehen, als er eines Tages ein kleines Haus im Schatten eines Palastes auf Long Island bezieht und so Gatsbys Nachbar wird. Dieser Gatsby scheint über unermessliche Mengen von Geld zu verfügen – aber woher es stammt, bleibt unklar; regelmäßig gibt er dekadente Partys, zu denen die oberen Zehntausend von New York erscheinen – aber er selbst scheint daran keinen Anteil zu nehmen, als einsamer Beobachter steht er im Haus und schaut über die Menge; am Telefon gibt er herrisch Anweisungen – wirkt im persönlichen Umgang aber scheu und unsicher. Umso verwunderter ist Carraway, als Gatsby seinen neuen Nachbarn eines Tages nicht nur zu einer seiner Partys einlädt, sondern ihn auch näher kennenlernen möchte.

Dieses Rätsel immerhin löst sich rasch auf: Gatsby ist an Carraways Nichte Daisy interessiert, die am anderen Ende der Bucht lebt – und die ist verheiratet. Die Ehe glücklich zu nennen wäre übertrieben: Geld ist auch hier in Unmengen vorhanden, aber Daisy und ihr Ehemann Tom langweilen sich unermesslich. Tom tröstet sich mit einer Geliebten, Daisy flüchtet sich in eine nervöse Überspanntheit, in der sie von Ablenkung zu Ablenkung springt und nicht mal mehr Aufmerksamkeit für ihre Tochter übrig hat. Trotzdem, sie ist verheiratet; und so nutzt Gatsby Nick, um an Daisy heranzukommen. Er bringt ihn dazu, Daisy zum Tee einzuladen, und wartet selbst in Nicks Haus auf sie.

Nick nimmt ihm das nicht übel. Daisys Freundin Jordan, mit der er unterdessen ein seltsam unentschlossenes Paar bildet, hat ihm die Lage erklärt: Gatsby hatte sich schon vor dem Krieg in Daisy verliebt; die hatte allerdings nicht auf seine Rückkehr gewartet, sondern zwischendurch den reichen Tom geheiratet. Gatsby, davon überzeugt, dass auch Daisy ihn unsterblich liebt, konnte sich das nur damit erklären, das Tom reich war und er selbst arm. Unterdessen steinreich geworden sieht er das einzige Hindernis für eine Verbindung mit Daisy aus dem Weg geräumt.

Leider teilt Daisy Gatsbys Vorstellung von der alles überdauernden, ewigen Liebe nicht. Sie ist da viel pragmatischer: Gatsby kann sie noch so berauscht durch seinen Palast führen und in einer absurden Szene unter einem Berg seiner maßgeschneiderten Hemden begraben, er kann ihr noch so stolz eine seiner rauschenden Partys präsentieren – sie mag ihn zwar, aber das gilt auch für ihren Mann Tom. Fast wirkt es so, als sei es Daisy egal, mit wem sie die Zeit totschlägt, solange er nur Geld hat und keine zu hohen Ansprüche an sie stellt; mit Gatsbys romantischem Überschwang, mit seiner Unbedingtheit kann sie nichts anfangen. So wird die Aussprache, die Gatsby bei einem gemeinsamen Ausflug nach New York erzwingt, zum Desaster: Gatsby verlangt von Daisy, dass sie ihrem Mann in die Augen sagt, sie habe ihn nie geliebt; das aber schafft sie nicht – weil es nicht stimmt und weil Gatsbys Unerbittlichkeit sie ängstigt.

Das Unglück nimmt seinen Lauf: Aufgewühlt am Steuer von Gatsbys Wagen sitzend läuft Daisy ausgerechnet Toms Geliebte vor die Stoßstange. Gatsby sorgt dafür, dass Daisy nicht anhält, und lässt Tom in dem Glauben, er selbst habe den Unfall verursacht. Was dieser brühwarm dem Mann seiner toten Geliebten steckt: Der fragt sich zu Gatsbys Villa durch und schießt den Inhaber im Pool über den Haufen.

Jetzt, wo Gatsby tot ist, zeigt sich, wie allein er die ganze Zeit war. Niemand erscheint bei seiner Beerdigung: nicht die Gangster, mit deren Hilfe er sich seine Reichtümer zusammengegaunert hat; nicht die Gäste seiner Partys, die sich so häufig bei ihm amüsiert hatten. Einzig sein alter Vater findet den Weg zur Zeremonie, zusammen mit einem rätselhaften Mitbewohner Gatsbys.

Und Nick, der große Beobachter. Wahrlich kein Mann der Tat nimmt er sich doch des toten Freundes an und begleitet ihn auf seinem letzten Weg. Sein Wissen um den wahren Hergang des Autounfalls behält er für sich, auch wenn er nie begreifen wird, wie Daisy mit dieser Schuld leben kann. Aber die ist da halt viel pragmatischer.

F. Scott Fitzgeralds Roman zählt heutzutage zu den Klassikern der amerikanischen Literatur. Er verbindet eine moderne, klare Erzählsprache mit der geschickt gewählten Perspektive des integeren Außenseiters, mit dem sich die Leser – zumeist wahrscheinlich ebenfalls keine Multimillionäre – identifizieren und durch dessen Augen sie das Treiben dieser maroden Gesellschaft beobachten können. Geld ist der Maßstab aller Dinge; wer, mit legalen oder illegalen Methoden, genug davon angehäuft hat, weiß nichts mehr mit sich anzufangen, treibt ziellos durch die Tage und schlägt die Zeit mit allerhand Vergnügungen tot; wer nicht genügend davon besitzt, ist es höchstens wert, benutzt zu werden: als Bediensteter, als Geliebte. Der einzige, der diese Entwicklung nicht mitgemacht hat, ist Gatsby selbst. Für ihn ist das Geld nur Mittel zum Zweck; er glaubt noch an die Liebe. Allerdings tut er das auf so eine überspannte, weltfremde Art und Weise, dass er nicht zum positiven Gegenbild taugt: Seine Liebe ist nicht Hinwendung zu einem Menschen, sie ist Verblendung und Besitzstreben. So geht er am Ende zugrunde, während die Party an anderer Stelle weitergeht.

Und Nick? Geld scheint ihm nicht viel zu bedeuten; fest auf dem Boden des amerikanischen Traums steht aber auch er nicht. Er hat sich nicht auf Basis christlicher Werte ein Ziel gesetzt, das er mit aller Macht verfolgen würde; er bricht nicht zu neuen Ufern auf. Er sitzt da, schaut zu und will nichts. Ein einziges Mal rafft er sich zu ein wenig Aktivität auf; aber da ist das Unglück schon gesehen, ist das Unrecht seinem Freund schon widerfahren. Am Ende kehrt er in den Schoß seiner Familie im Mittleren Westen zurück – ohne Jordan, denn auch für diese Beziehung konnte er sich nie richtig entscheiden.

Keine Hoffnung also, nirgends. Dieses deprimierende Bild entwirft F. Scott Fitzgerald mit erstaunlicher Leichtigkeit, ohne jedes Pathos, ohne jeden Belehrungswillen; fast merkt man nicht, was hier geschieht. Nicht zuletzt das macht aus „Der große Gatsby“ ein großes Buch.

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