Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernado Soares

von Tanja | 21.02.2011

Im Klappentext wird Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“ als ein „Jahrhundertbuch“ (Andreas Isenschmid) gepriesen. – Nach hunderten Seiten tapferer Lektüre (die Fischer-Ausgabe hat gut 530 Seiten) erschließt sich aber leider nicht, was an diesem Text tatsächlich epochal genannt werden dürfte.

Der Autor, bzw. sein Alter Ego Hilfsbuchhalter Bernado Soares, schildert in loser Folge aus Fragmenten, Skizzen und Aphorismen Beobachtungen und Reflexionen über das Alltagsleben im Lissabon der 1930er Jahre und konfrontiert den Leser mit der permanenten Selbstreflexion des literarischen Ichs. Inhaltlich mäandern diese Betrachtungen durch einen immergleichen Themenkanon aus Landschaftsbildern, philosophischen Gedankenspielen über den Lauf der Zeit, Glaubens- und Menschenbild, Sprache und Literatur, um letztlich immer wieder um das zentrale Motiv Schlaf und Traum zu kreisen.

Auch wenn die Lektüre immer wieder durch sprachliche Kleinode belohnt wird, die wie literarische Perlen zwischen den Zeilen auf ihre Entdeckung warten, liegt die größte Herausforderung durchaus darin, dem Text auch so weit zu folgen, ohne sich in seitenlangen Schilderungen eines Regenschauers oder nächtlicher Schlaflosigkeit zu verlieren. Schon das Eingangsfragment der Hauptfigur verdeutlicht die größte Herausforderung bei dieser Suche nach sprachlichen Schätzen, die sich in einer „Autobiographie ohne Ereignisse“ verbergen: „Vermittels dieser Eindrücke ohne Zusammenhang und ohne den Wunsch nach Zusammenhang erzähle ich gleichmütig meine Autobiographie ohne Fakten, meine Geschichte ohne Leben. Es sind meine Bekenntnisse, und wenn ich in ihnen nichts aussage, so weil ich nichts zu sagen habe.“ (Fragment 12) Einziger Verbindungspunkt in einer Sammlung loser Textfragmente bleibt damit die Hauptfigur als Sprachrohr eines Ich-bezogenen Innenlebens, dessen größter Wunsch darin besteht, in eine Traumwelt einzutauchen. In diesem Leitmotiv des Traums liegt jedoch auch ein bitterer Beigeschmack, der das literarische Ich zunehmend in einer Aura der Trostlosigkeit erscheinen lässt. Die Hauptfigur idealisiert den Traum als einen Ausweg aus allen Unvollkommenheiten und Beschwernissen des Lebens, muss aber zunehmend erkennen, dass der vermeintliche Fluchtpunkt in Wahrheit in eine emotionale Sackgasse der Selbsttäuschung mündet: „Sosehr ich auch in mich dringe, alle meine Traumpfade führen zu Lichtungen der Angst.“ – „Träumen wozu? Was habe ich aus mir gemacht? Nichts.“

Solche Momente der Selbsterkenntnis werden jedoch auch immer wieder von inhaltlich fragwürdigen Botschaften überlagert, die Fatalismus und Verzicht predigen, weil jede Form des Handels das Scheitern in sich trage; nicht das Leben müsse verändert werden, sondern die eigene Haltung. Folglich erscheinen aus dieser Perspektive Revolutionen oder politischer Protest allenfalls als ein Ausdruck von Dummheit und menschlicher Unzulänglichkeiten. Stellenweise offenbart sich in solchen Textabschnitten ein elitäres sozialdarwinistisches Menschenbild, wie in dieser Passage, in der die Hauptfigur sich selbst als geistigen Herrenmenschen adelt: „Doch zwischen mir und dem Bauern gibt es einen Qualitätsunterschied, zurückzuführen auf die Existenz abstrakten Denkens in mir und uneigennütziger Gefühle; zwischen ihm und der Katze besteht hingegen nur ein gradueller Unterschied.“ Erfreulicherweise bleiben solche Entgleisungen allerdings auf einige wenige Episoden beschränkt und lassen sich möglicherweise auch mit dem zeitgeschichtlichen Kontext des Textes erklären.

Andere Einträge lassen sich dagegen mit großem Vergnügen lesen – so zum Beispiel die farbige Schilderung einer trinkfreudigen Männerrunde und deren vermeintlicher Heldentaten: „Freilich überkommt uns, wenn eines dieser Individuen seine sexuellen Marathonläufe zum besten gibt, im Augenblick der siebenten Entjungferung ein undeutliches Misstrauen.“ – Die eigentlichen literarischen Höhepunkte des Textes liegen allerdings, sicherlich auch als Verdienst der Übersetzerin Inés Koebel, in den kurzen poetische Einschüben zwischen den Zeilen, die gewissermaßen als archäologische Fundstücke für einen Teil der literarischen Grabungsarbeiten entschädigen.

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