Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht

von Maximilian | 22.02.2011

Ein Roman, zehn Romananfänge, ein literarisches Verwirrspiel


„Wenn ein Reisender in einer Winternacht“, vor über 30 Jahren erschienen, ist längst ein Klassiker der europäischen Literatur. Allerdings kein typischer Klassiker: Während die von allen gelobt und von den meisten nie gelesen werden, wird „Wenn ein Reisender…“ von manchen geliebt und gelesen und von anderen kritisiert und verschmäht.

Der Grund dafür ist, dass dieser Roman zur experimentellen Literatur zählt, zu einer Gattung also, die nur wenige Klassiker hervorgebracht hat und noch weniger Bücher, die tatsächlich von einer nennenswerten Menge von Menschen gelesen werden. Gelesen aber wird „Wenn ein Reisender…“ durchaus, was wiederum daran liegt, dass dieses Buch keine blutleere Vorführung irgendwelcher Prinzipien, sondern höchst amüsant zu lesen ist – wenn man sich darauf einlässt.

Einlassen muss man sich auf Italo Calvinos Roman, daran führt kein Weg vorbei. Das beginnt schon mit der Erzählperspektive: Der Leser, die Leserin werden auf ihrem Weg durch die Seiten des Buches konsequent mit „Du“ angesprochen und beim Lesen begleitet. Diese ungewöhnliche Ansprache ist Geschmackssache: Wer sich dadurch seiner geliebten Identifikationsmöglichkeit beraubt sieht, wird darauf genervt reagieren. Die anderen freuen sich darüber, wie geistreich und locker Calvino die selbst gestellte formale Herausforderung meistert – getreu dem Grundgedanken der Oulipo-Gruppe, der Calvino angehörte: Ein Oulipo-Mitglied baut sich selbst das Labyrinth, aus dem es wieder herausfinden muss.

Und nimmt einen dabei mit. So begibt man sich also mit dem und als Leser auf die Suche nach dem Roman, den man gerade liest. Diese Suche gestaltet sich schwierig, denn „Wenn ein Reisender…“ ist falsch gebunden auf den Markt gekommen: Nach wenigen Seiten, als es gerade spannend geworden ist, bricht der Roman (offenbar ein Krimi) ab – besser gesagt: die ersten Seiten wiederholen sich immer wieder. Beim Versuch, ein intaktes Exemplar in die Hand zu bekommen, stößt der Leser auf einen neuen Roman. Und so geht es immer weiter. Die Suche bringt den Leser nicht nur in Kontakt mit einer Leserin, die sich an seiner Detektivarbeit beteiligt: Sie führt ihn auch in die labyrinthischen Büros des Verlages und schließlich sogar in ferne Diktaturen, in denen die Zensur ein freies Lesen unmöglich macht – fast unmöglich, denn immerhin die Zensoren müssen ja noch lesen…

Diese Suche ist streckenweise spannend, teilweise aberwitzig, immer aber eine Meditation über das Lesen: Warum lesen wir? Was macht ein Buch aus, das uns gefällt? Wie ist es aufgebaut? Wohin führt uns die Lektüre? Für Leser und Leserin in diesem Roman ist die Antwort klar: Sie finden sich – allerdings nicht, bevor sie nicht auf zehn verschiedene Romananfänge ganz unterschiedlichen Stils und Inhalts gestoßen sind.

Und wir, die Leserinnen und Leser, die „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ vollständig in der Hand halten? Wenn wir uns auf die Anregungen einlassen, die uns Calvino gibt, haben wir am Ende viel über Literatur, über unsere eigenen Vorlieben und unser eigenes Lesen gelernt. In diesem Sinne ist der Roman eine Art Konzeptkunstwerk: Statt einen normalen Roman vorzulegen, gibt Calvino eine Reihe von Hinweisen, aus denen wir uns selbst unser Buch zusammensetzen. Und am Ende haben wir auch viel gelacht: über Calvinos irrwitzige Einfälle, über seine Anspielungen, über die Frechheit, die Romananfänge immer an der spannendsten Stelle abbrechen zu lassen, und über den letzten Satz des Lesenden: „Einen Moment noch. Ich beende grad ‘Wenn ein Reisender in einer Winternacht’ von Italo Calvino.“

Wer sich nicht darauf einlässt, hat weniger Spaß: ärgert sich über die abgebrochenen Romananfänge, ist genervt davon, ständig angesprochen zu werden, vermisst das „Hineingezogenwerden“ in den Text, empfindet die Lektüre als Zeitverschwendung. Was, das will ich nicht verschweigen, leider dem größeren Teil der Lesegruppe so ging. Schade!

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