Mario Vargas Llosa: Das grüne Haus

von Maximilian | 04.04.2011

Das falsche Buch zur falschen Zeit

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass „Das grüne Haus“ ein gutes Buch ist. Leider weiß ich es nicht genau. Bisher habe ich nur die Hälfte gelesen, und es ist mir noch nicht so recht gelungen, die verschiedenen Orte, Zeiten und Figuren zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.


Das liegt auch daran, dass ich derzeit so viel zu tun habe. Ich komme nur abends zum Lesen, zehn, fünfzehn Minuten vor dem Einschlafen. Und so erinnere ich mich, wenn Jum wieder auftaucht, nicht mehr so genau, was in der letzten Episode mit ihm eigentlich passiert war. Mir ist unklar, wie lange Lalita nun schon mit dem Lotsen zusammen ist – war sie nicht in der letzten Episode noch ein Kind? – oder wie lange Bonifacia nun schon bei ihr und dem Lotsen lebt. Fushia, offenbar ein Japaner, fährt endlos mit Aquilino über irgendwelche Flüsse und jammert dabei herum, wieviel Pech er in seinem Leben gehabt habe. Nonnen rauben Eingeborenenmädchen aus dem Urwald. Soldaten auch, allerdings aus anderem Grunde. Drei Gauner treffen einen vierten – Lituma – wieder, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, und ziehen mit ihm durch die Kneipen. Sand rieselt auf Piura.

Und das grüne Haus? Ist ein Bordell, das Don Anselmo am Rande von Piura errichtet, das zwischendurch von einem aufgebrachten Mob unter Leitung des Pfarrers in Brand gesteckt, offenbar aber wieder aufgebaut wird. Laut Klappentext landet Bonifacia – einst selbst von den Nonnen aus dem Urwald verschleppt, dann aber von ihnen verstoßen, weil sie später aus Mitleid anderen Mädchen zur Flucht verholfen hatte – irgendwann als Prostituierte im grünen Haus, aber das ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht so recht absehbar. Lalita war mal mit Fushia zusammen. Irgendetwas verbindet Lituma mit einer der Frauen aus dem grünen Haus. Es ist nicht so, dass die Episoden keinen Zusammenhang hätten.

Aber es ist schwer, den Überblick zu behalten. Ein weiterer Grund dafür ist, dass mir Land und Leute fremd sind. Ich kenne die Pflanzen Perus nicht und die Tiere auch nicht; nicht die Speisen, nicht die Sprachen, nicht die Stämme. Das Klima ist mir unbekannt, ich kann die Entfernungen nicht einschätzen.

So gleicht das Lesen dieses Buches einem Tasten durch schummrig erleuchtete Gänge. Nur langsam erschließt sich der Plan des Labyrinths.

Die Frage ist natürlich: Muss das so sein? Schafft es Mario Vargas Llosa dadurch, dass er teilweise innerhalb von einem Satz mehrere Sprünge durch Raum und Zeit unterbringt, auf 500 Seiten zu erzählen, wofür er sonst 2000 gebraucht hätte? Bildet die Struktur eine Weltsicht ab, in der nicht alles in einer fein säuberlichen Abfolge von Ursache und Wirkung folgt, in der das Leben nicht auf einer geraden Linie vom Leben zum Tod führt? Ich weiß es nicht; und deswegen weiß ich noch nicht, ob „Das grüne Haus“ ein gutes Buch ist.
Immerhin könnte es ein gutes Buch sein. Insbesondere die Atmosphäre von Orten – ob es das sandberieselte Piura ist oder die Schwüle des Urwalds, wo die Luft hauptsächlich aus Insekten besteht – wird bei Vargas Llosa durch wenige, geschickt gewählte Eindrücke höchst lebendig; und es wirkt immer so, als würde zumindest er selbst den Überblick über seine Konstrukte bewahren.

Ein gutes Buch? Ich bin gespannt, ob ich es zu Ende lesen werde…

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