Michel Houellebecq: Karte und Gebiet

von Maximilian | 13.06.2011

Ein Meisterwerk? Sieht ganz so aus!

“Write what you know” – “Schreibe über das, was Du kennst!”: Auf den ersten Blick hat Michel Houellebecq diesen beliebten, schon zum Klischee gewordenen Ratschlag für Autoren bei seinem neuen Roman geradezu beispielhaft beherzigt. Houellebecq begleitet hier nicht einen chinesischen Wanderarbeiter oder eine palästinensische Selbstmordattentäterin. “Karte und Gebiet” spielt in Frankreich, in Pariser Künstlerkreisen – und eine der Hauptfiguren ist Michel Houellebecq, Autor der “Elementarteilchen”. Noch näher dran scheint kaum zu gehen.

Auf den zweiten Blick allerdings – und das gehört zu dem, was mich an diesem Text am meisten beeindruckt hat – hat Houellebecq mit “Karte und Gebiet” gar keinen Roman vorgelegt, sondern ein Konzeptkunstwerk. Houellebecq ist mit diesem Werk vom Schriftsteller zum Bildenden Künstler geworden.


Wie ihm das gelungen ist? Houellebecq hat für seine Hauptfigur Jed eine komplette zeitgenössische Künstlerkarriere erschaffen, die verblüffend überzeugend ist. Von den Anfängen mit analoger Fotografie industriell gefertigter Objekte über seine Großaufnahmen von Michelin-Karten französischer Departements bis zu seiner Hinwendung zur Malerei, in der er Menschen bei der Ausübung ihres Berufes zeigt, und den abschließenden Videoarbeiten zum Thema Verfall hat diese Karriere eine innere Logik, haben die einzelnen, genau beschriebenen Werke eine solche Präsenz, dass man kaum glauben kann, dass es diesen Künstler nicht gibt – eigentlich warte ich nur darauf, dass jemand diese Handlungsanweisungen in die Tat umsetzt. “Die Karte ist interessanter als das Gebiet”: Diesen Titel von Jeds erster großer Ausstellung kann sofort nachvollziehen, wer mal mit einer von Michelins Departementalkarten vor Augen durch Frankreich gefahren ist. Nach kurzer Eingewöhnung verrät einem der Blick auf die Karte sofort, wie es an der entsprechenden Stelle aussehen wird. Muss man überhaupt noch hinfahren?

Dieser Blick auf das Detail zeichnet den ganzen Text aus. Häufig sind es die Produkte der Warenwirtschaft, in denen für Houellebecq die Verfasstheit der Gesellschaft aufscheint: Die “Baby 1″- und “Baby 2″-Programme seiner neuen Samsung-Digitalkamera zum Beispiel führen dem einsam vor sich hin werkelnden Jed vor Augen, dass das vielleicht doch nicht das richtige Modell für ihn ist – und werfen die Frage auf, wer eigentlich zwei unterschiedliche Programme für die Babyfotografie benötigt (und worin sie sich unterscheiden). Überhaupt ist dieser Jed eine sehr dankbare Hauptfigur: Jahrzehnte in seinem Atelier vergraben lebt er ein wenig außerhalb der “normalen” Realität – und wird, wenn er denn doch einmal nach draußen geht, zum neugierigen, unvoreingenommenen Beobachter, der die Merkwürdigkeiten unseres Alltags fast wie ein Kind registriert und akzeptiert.

Was nicht heißt, dass dieser Jed ein gefühlskalter Beobachter wäre. Eine wichtige Rolle spielt für ihn seine Beziehung zu seinem Vater, die nie so eng wird, wie er sich das gewünscht hätte. Als sein Vater schließlich, ohne Jed vorher zu konsultieren, seinem Leben mit Unterstützung der Sterbehilfeorganisation Dignitas ein Ende setzt, stellt Jed auf dem Weg zur schweizer Zentrale zwar noch mit einer gewissen Erleichterung fest, dass sich neben dieser todbringenden Adresse ein Lebensfreude versprühendes Bordell befindet – als er sich aber schließlich einer Dignitas-Sachbearbeiterin gegenüber sieht, regt er sich so auf, dass er die Frau bewusstlos schlägt.

Apropos Bordell: Sexualität spielt in diesem Buch – jedenfalls für einen Houellebecq-Roman – eine überraschend untergeordnete Rolle. Jed hat eine Zeitlang eine Beziehung zu einer der schönsten Frauen von Paris, aber seine Karriere ist ihm dann doch wichtiger, als ihr nach Russland zu folgen (wo sie ihre Karriere verfolgt). Ansonsten bestellt er sich zwar ab und an ein Escort-Girl, aber auch das wird nur nebenbei erwähnt. Im letzten Teil des Buches, in dem ein Kommissar den Mörder Houellebeqcs sucht, lässt sich dieser Kommissar zwar lobend über die Brustvergrößerung seiner Frau aus (weil sie sexuelle Bereitschaft signalisiere, was einer Ehe nur guttun könne), insgesamt wird die Beziehung der beiden aber keineswegs als von Sex bestimmt dargestellt, sondern im Gegenteil als in jeder Hinsicht höchst liebevoll.

Erfreulich wenig Predigt also in diesem Buch; wer eine Moral sucht, wird es schwer haben. Houellebecq wird als einsamer Säufer dargestellt, der am Ende auf dem Lande dann aber doch ein wenig Glück findet. Jed wird als jemand geschildert, der überhaupt nicht auf die Idee kommt, sein Leben, das sich hauptsächlich im Atelier abspielt, in irgendeiner Form in Frage zu stellen – was ihn aber nicht glücklich macht: Glück spielt für ihn schlicht keine Rolle. Zu diesen einsamen Männerfiguren, die im Endeffekt irgendwie mit sich klarkommen, gesellt sich der glücklich verheiratete Kommissar, dessen Dasein Houellebecq durchaus mit Sympathie darstellt. Und auch Frauen tauchen nicht nur als Escort-Girls auf: Sowohl Jeds wunderhübsche Freundin als auch seine Presseagentin gehen ihre eigenen, höchst erfolgreichen Wege, ohne sich dabei von Männern oder irgendwelchen Konventionen aufhalten zu lassen (letztere nutzen sie höchstens zum eigenen Vorteil).

Gewöhnungsbedürftig ist einzig der Bruch zu Beginn des dritten Teils, als kurzzeitig der Kommissar zur Hauptfigur wird und sich die Frage in den Vordergrund drängt, warum Houellebecq sich in seinem eigenen Buch so bestialisch ermorden lässt – eine Frage, auf die es keine Antwort gibt und die auch schnell wieder aus dem Focus rückt. Abgesehen davon ließt sich dieser Roman zu allem Überfluss auch noch äußerst flüssig – trotz seiner durchaus nicht simplen Konstruktion mit ineinandergeschachtelten Zeitebenen und verschiedenen, von einem unaufdringlichen allwissenden Erzähler gesteuerten Stimmen.

Ein Meisterwerk? Ja!

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